Handwerk liegt in der Natur des Menschen

Dieser Fachartikel zeigt Möglichkeiten auf, wie der Wirtschaftsbereich Handwerk den allgemeinbildenden Unterricht im Rahmen der Lehrpläne bereichern kann. Darüber hinaus widmet er sich der Ausbildung im Handwerk in Deutschland und beschreibt diesen vielfältigen Berufszweig in seiner Aktualität und seinen Möglichkeiten. Es werden wesentliche Merkmale des Handwerks erläutert und wichtige Informationen auf dem Weg in einen Handwerksberuf gegeben.

Fachartikel
  • Fächerübergreifend / Berufsvorbereitung /Berufsalltag / Arbeitsrecht
  • Sekundarstufe I, Sekundarstufe II

Handwerk in meinem Unterricht?! Ich bin doch Deutsch-Lehrkraft!

Unterricht individuell auszurichten gestaltet sich nicht immer leicht, denn die Zeitfenster in den dichten Fachcurricula zeigen sich gewohnt eng. Aber wie ist es möglich, trotzdem auch zeitaktuelle, außer-curriculare Inhalte weiterhin einzubinden, die für die eigene Klasse, für die Region und gar Bundesländer von tragender Bedeutung sind? Kann man als Lehrkraft aus dem eigenen Unterrichtsgeschehen heraus tatsächlich einen Wandel mitgestalten, eine neue Perspektive eröffnen, an gesellschaftlichen Entwicklungen teilhaben?

Lehrkräfte wissen, dass das möglich ist, denn sie greifen Impulse der Zeit auf, nehmen sie in ihren Unterricht und öffnen damit Augen und Ohren der Lernenden zu Belangen unserer Zeit. Und dies kann ganz unterschiedliche Themengebiete betreffen. Blickt man beispielsweise auf das Handwerk, so stellt man seit Jahren einen deutlichen Rückgang an Auszubildenden sowie eine kongruente Zunahme an unbesetzten Ausbildungs- und Lehrstellen fest (ZDH. Online). Überall fehlt es an qualifizierten Fachkräften; Handwerkerinnen und Handwerker sind daher begehrter denn je. In allen Bereichen des alltäglichen Lebens werden sie gebraucht und geschätzt, ihre beruflichen und finanziellen Erfolgsaussichten sind mithin äußerst gut. Erlerntes setzen sie dabei konkret um und sehen das eigens Geschaffene als Resultat ihres Werkens.

Kann und sollte man als Lehrkraft dazu beitragen, den Schülerinnen und Schülern allgemeinbildender Schulen Handwerk näher zu bringen und wie kann dies geschehen? Ja, indem für Lernende interessante Themen mit Lebensweltbezug im Unterricht behandelt werden, die indirekt auch eine Schnittstelle zur Welt des Handwerks und zugleich zum Curriculum des jeweiligen Faches bilden. Das können Themen sein wie das Warmwasser, mit dem man sich morgens duscht – der Energiebedarf zur Erwärmung des Wassers lässt sich im Physikunterricht berechnen und seine Nachhaltigkeitspotenziale in gesellschaftswissenschaftlichen Fächern diskutieren. Themen wie der Dreisatz, den jeder und jede in den vielfältigsten Lebenssituationen anwenden kann, daher lehrplanrelevant im Fach Mathematik ist und darüber hinaus auch von Gerüstbauerinnen und Gerüstbauern genutzt wird. Oder einer der wichtigsten Identitätsfaktoren, vor allem im Jugendalter – die Haare – ist biologisch betrachtet eine wahre Wunderwelt, in der sich besonders Friseurinnen und Friseure galant bewegen. Handwerk steckt in mehr Themen als man denkt – und auch in mehr Regionen. Warum also nicht auch im Sinne außerschulischen Lernens den Satz des Pythagoras am frisch errichteten Gerüst um die Ecke visualisieren oder die Warmwasseraufbereitung in der Schule vor Ort erfahren? Sie sehen: Genau hier können Lehrkräfte ansetzen.

Was ist Handwerk?

Das Handwerk bezeichnet sich selbst als "die Wirtschaftsmacht von nebenan". In Deutschland hat die Branche über fünf Millionen Beschäftigte, eine Million Betriebe und erzielt einen Jahresumsatz von 650 Milliarden Euro (ZDH. Online). Das handwerkliche Gewerbe wird in Deutschland verbindlich durch das Gesetz zur Ordnung des Handwerks (Handwerksordnung) festgelegt und geregelt (HwO. Online). In fast allen Lebensbereichen werden die Fertigkeiten und das Know-how von Handwerkerinnen und Handwerkern gebraucht. "Die handwerkliche Tätigkeit, die von der industriellen Massenproduktion abzugrenzen ist, ist eine selbständige Erwerbstätigkeit auf dem Gebiet der Be- und Verarbeitung von Stoffen sowie im Reparatur- und Dienstleistungsbereich" (Gabler Wirtschaftslexikon. Online). Wolfgang Herzog, selbst erfahrener Handwerker, macht darauf aufmerksam, dass der Begriff "Handwerk" sich aus den beiden Wörtern "Hand" und "Werk" formt und dabei bereits das Wesentliche eines Handwerksberufs zusammenfasst: Nämlich mit den eigenen Händen etwas herzustellen, was einen Nutzen hat (Herzog 2012: 13). Dabei stehen den Händen heute vielfach hochinnovative, häufig digitale Werkzeuge zur Seite. Entscheidend ist und bleibt aber die individuelle Leistung oder Problemlösung des Handwerks im Gegensatz zur Massenproduktion.

Karriere im Handwerk

Berufsbildung

"Was wäre das Leben ohne das Handwerk?" fragt die Imagekampagne des deutschen Handwerks, die seit 2010 erfolgreich auf die Leistung, Bedeutung, Modernität und die Berufsperspektiven im Handwerk aufmerksam macht. Als vielfältigster Wirtschaftszweig des Landes spielt Handwerk in allen Lebensbereichen eine wichtige Rolle, ob Ernährung, Kleidung, Wohnen, Gesundheit, Reinigung, Technik oder Mobilität. Es gibt über 130 Ausbildungsberufe im Handwerk, die erlernt werden können, vom Änderungsschneider bis zur Zweiradmechatronikerin (Handwerk.de. Online). Dabei sollte man bei der Wahl eines Handwerksberufs auf seine Fähigkeiten und Interessen achten (Herzog 2012: 12ff). Auch wenn viele Handwerksberufe in Deutschland eine jahrhundertealte Tradition haben, passt sich das Handwerk mit neuen Techniken, neuen Einsatzgebieten und verstärkter Kundenorientierung ständig an die Entwicklungen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft an. Für jeden Handwerksberuf gibt es .eine staatlich erlassene Ausbildungsverordnung, die gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus Betrieben und Gewerkschaften entwickelt und regelmäßig (etwa alle 8 Jahre) überarbeitet wird. Dabei werden dann auch wichtige übergeordnete Aspekte wie aktuell Digitalisierung und Nachhaltigkeit ergänzt.

Nach der Ausbildung beginnen viele Gesellinnen und Gesellen mit der Vorbereitung auf die Meisterprüfung. Auch dafür gibt es staatlich erlassene Meisterprüfungsverordnungen. Diese Qualifikation ist in vielen Gewerken zugleich die Voraussetzung, um einen Betrieb zu gründen oder zu übernehmen. Denn die Selbständigkeit ist für viele junge Handwerkerinnen und Handwerker ein wichtiges berufliches Ziel. Alle Handwerksmeisterinnen und -meister haben übrigens das gleiche Qualifikationsniveau wie Absolventinnen und Absolventen eines Bachelor-Studiums. Sie tragen daher auch ganz offiziell den Titel "Bachelor Professional".

Wesentlich am "Dualen System" der beruflichen Ausbildung ist, dass man an zwei Orten lernt – im Betrieb und in der Berufsschule. Ein entscheidendes Merkmal ist auch die gemeinsame Verantwortung von Wirtschaft und Staat (Maag 2019: 14ff.). Dabei nimmt die betriebliche Ausbildungszeit in Deutschland in der Regel etwa zwei Drittel der Ausbildungszeit ein (Rieke 2013: 4). "Nach dem Abschluss der Ausbildung (Anm. d. V.: nach etwa drei Jahren) arbeiten Gesellinnen oder Gesellen in unterschiedlichen Betrieben und können sich durch fachliche oder betriebswirtschaftliche Fortbildungen weiter spezialisieren" (Handwerk.de. Online). Der Meisterbrief (Bachelor Professional) befähigt zur Leitung eines Betriebes und dazu, Lehrlinge auszubilden. Außerdem befähigt er zum Studium – auch ohne Abitur. Er steht auf einer Stufe mit dem Bachelorabschluss an einer Hochschule. Auch finanziell sind Meisterinnen und Meister mit vielen Akademikerinnen und Akademikern gleichgestellt (Handwerk.de. Online).

Wer sich für eine Ausbildung im Handwerk interessiert und noch Fragen hat, kann sich an die Ausbildungsberaterinnen und -berater der regionalen Handwerkskammern wenden. Sie bieten Beratungen an und helfen unter Umständen sogar dabei, einen passenden Ausbildungsplatz zu finden. Offene Lehrstellen findet man zum Beispiel beim Lehrstellen-Radar oder bei den Handwerkskammern. Und Tipps zur Bewerbung gibt es auf handwerk.de.

Fazit

Das Handwerk ist einer der wichtigsten Wirtschaftsbereiche in Deutschland. Handwerkliche Themen sind spannend, innovativ und äußerst vielfältig. Ideale Voraussetzung also, um sie in den lehrplankonformen allgemeinbildenden Unterricht zu integrieren und Kinder und Jugendliche dadurch in Berührung mit dem Handwerk kommen zu lassen.

Verwendete Literatur

Internetadressen

Gabler Wirtschaftslexikon. Online: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/handwerk-51988 

Handwerk.de. Online: https://www.handwerk.de/infos-zur-ausbildung 

Handwerk.de. Online: https://www.handwerk.de/ueber-das-handwerk/das-ist-handwerk

HwO. Online: https://www.gesetze-im-internet.de/hwo/BJNR014110953.html

Zentralverband des deutschen Handwerks, ZDH. Online: https://www.zdh.de/daten-und-fakten/kennzahlen-des-handwerks/

Handwerk.de Online: https://www.handwerk.de/infos-zur-ausbildung/ausbildungsberufe/berufsprofile/thermometermacherin

ZDH.de Online: https://www.zdh-statistik.de/application/index.php?mID=3&cID=854

Monografien

Herzog, Wolfgang (2012). WissensQuick: Zukunft Lehre im Handwerk. Warum eine Lehre im Handwerk beste Zukunftschancen hat. Ein Plädoyer eines erfahrenen Handwerksmeisters. Coburg: Edition Aumann.

Maag, Louis (2019). Duales Lernen in der kaufmännischen Berufsbildung: eine empirische Analyse im Fach Rechnungswesen. Hohenheim: Dissertation.

Rieke, Volker u. a. (2013): "Duale Ausbildung, 'Jugendgarantie' oder zusätzliche Hilfefonds: Was tun gegen Jugendarbeitslosigkeit in Europa?". In: ifo Schnelldienst, 66, Nr. 16, 03-24.

Online-Artikel

Roßbach, Henrike (2020): "Lob der Ausbildung. OECD würdigt Deutschlands dualen Weg ins Berufsleben". In: Süddeutsche Zeitung. Online: https://www.sueddeutsche.de/politik/internationaler-bericht-lob-der-ausbildung-1.5024937 

Weiterführende Literatur

Monografien

Elkar, Rainer S. mit Keller, Katrin und Schneider, Helmuth (2014): Handwerk – Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Darmstadt: Theiss Verlag.

Online-Artikel

Göbel, Johannes (2020): "Zehn Fakten zum Handwerk". In: Deutschland.de. Online: https://www.deutschland.de/de/topic/wirtschaft/handwerk-in-deutschland-gefragte-jobs-und-wichtige-fakten .

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Autorin

Portrait von Dr. phil. Muriel Schindler
Dr. phil. Muriel Schindler

Dr. phil. Muriel Schindler ist freie Wissenschaftlerin, Autorin und Filmemacherin und ist im Bereich Kultur und Bildung tätig. Sie schreibt für unterschiedliche Fachzeitschriften, Portale und Verlage, darunter auch Eduversum Verlag und Bildungsagentur.