Die Geschichte des Friedhofs

Friedhöfe verraten uns nicht nur etwas über Begräbnisrituale, Tod und Trauer. Als Spiegel der Gesellschaft verraten sie uns auch viel über die Geschichte und Bedürfnisse der Menschen – sowohl in der Vergangen heit als auch in der Gegenwart.
Seit jeher ist die Bestattung von Verstorbenen Teil der Gemeinschaftskultur. Mit der Sesshaftigkeit der Menschen ging auch einher, dass bestimmte festgelegte Orte für die Verstorbenen entstanden. Im Mittelalter, als sich die christliche Religion in Europa verbreitete, wurde oft das Umfeld von Kirchen (Kirchhöfe) für die Bestattung gewählt. Die Menschen sollten nahe den sich in der Kirche befindlichen Heiligen beerdigt werden, die für das Seelenheil der Verstorbenen im Jenseits wichtig waren. Im Zuge der Reformation wurde die Reliquienverehrung abgelehnt, was auch die Beerdigung in der unmittelbaren Umgebung einer Kirche nicht mehr zwingend nötig machte.
Durch den Anstieg von Verstorbenen, auch durch Seuchen und Hungersnöte, wuchs die Notwendigkeit mehr Platz für Gräber zur Verfügung zu stellen. Außerdem sollte Hygiene zum Tragen kommen: Leichen sollten nicht mehr in unmittelbarer Nähe von Wohngebieten begraben werden. In diesem gesamten Zusammenhang entstanden nach und nach sogenannte Zentralfriedhöfe außerhalb der Stadtmauern. Sie galten als Ort der Toten, der Trauer und der Erinnerung an die Verstorbenen.

Mit der Französischen Revolution veränderten sich auch die Friedhöfe. Napoleon ordnete in den von ihm besetzten Gebieten eine Verweltlichung und Neugestaltung von Friedhöfen an. Es entstanden riesige, parkähnliche Friedhöfe außerhalb der Städte, die nicht nur zum Trauern und Erinnern, sondern auch zum Spazieren einluden. Reihengräber sollten die Gleichheit der beerdigten Menschen ausdrücken. Ein Beispiel dafür ist der Kölner Melatenfriedhof.
Im 19. Jahrhundert wich der Gleichheitsgedanke wieder dem Standesdenken: Während reiche Menschen in prunkvollen Gräbern oder Gruften nahe den Hauptwegen der Friedhöfe bestattet wurden, begrub man ärmere Menschen an Nebenwegen.
Jüdische Friedhöfe haben in Deutschland ihre eigene Geschichte. Bereits im Mittelalter wurden Juden vertrieben; in vielen Regionen mussten sie aus den Städten aufs Land fliehen. Damit ging einher, dass sie oft nur landwirtschaftlich nicht nutzbares Gelände wie z. B. Steilhänge im Wald oder sumpfige Gebiete als Friedhöfe nutzen durften. Erst Ende des 19. Jahrhundert entstanden auf kommunalen Friedhöfen in größeren Städten auch wieder Bereiche für jüdische Beisetzungen. Während der NS-Zeit wiederum wurden jüdische Friedhöfe systematisch zerstört, wertvolle Grabsteine und metallene Elemente geplündert oder auch durch Bomben stark beschädigt. Nach dem Krieg wurden Grabsteine für Opfer der Schoah aufgestellt oder Inschriften einzelner Grabsteine durch Gedenkinschriften für während der Schoah ermordete Angehörige ergänzt. Heutzutage bilden über 2000 jüdische Friedhöfe den ältesten Bestand jüdischer Kulturdenkmäler in Deutschland.
Friedhöfe werden häufig als Spiegel der Gesellschaft betrachtet. So wie sich Gesellschaften im historischen Verlauf verändern, ändern sich auch die Lebenswirklichkeiten und Bedürfnisse der Menschen in Deutschland weiter. Religiöse Traditionen nehmen an Bedeutung ab und damit auch der sakrale Charakter von Friedhöfen. Die Trauerkultur als solche befindet sich im Wandel, indem sie vor allem individueller und persönlicher wird.
Familienstrukturen sind einerseits vielfältiger und durch die hohe Mobilität, die heutzutage möglich ist, auch generationsübergreifend nicht mehr an einen Ort gebunden. Dies lässt die Nachfrage an pflegearmen bzw. pflegefreien Grabstätten steigen.
Die Deutsche UNESCO-Kommission und die Kultusministerkonferenz erkannten im Jahre 2020 die jahrhundertealte Bedeutung der Friedhöfe für die Gesellschaftskultur an und nahmen die Friedhofskultur in Deutschland in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes auf. Es geht also nicht mehr nur um die Gestaltung und das Erscheinungsbild der Friedhöfe, sondern um die Art des Trauerns und Gedenkens, die Bestattungspraxis und dazugehörige Rituale. Dahinter steckt auch der Wunsch, auf und mit Friedhöfen eine neue Zukunft zu gestalten, als Ort der Begegnung und Kommunikation, der Zuversicht und Vielfalt, ihn also als Teil einer Gemeinde oder Stadt wieder schätzen zu lernen.
Auf der Grundlage dieser veränderten gesellschaftlichen Situation entstehen internationale und interdisziplinäre Projekte, die sich mit der Zukunft der Friedhöfe befassen. Friedhofsträger, Psycholog*innen und Zukunftsforscher*innen, Landschaftsarchitekt*innen, Bestatter*innen und Handwerksberufe, wie z. B. Steinmetz*innen entwickeln gemeinsam neue Konzepte für Erinnerungskultur und öffentliche Räume.
Moderne Bestattungskultur

Ein Beispiel für diese neue Perspektive auf Friedhöfe ist der Campus Vivorum, ein Projekt, das den Friedhof bewusst als Teil gesellschaftlicher Infrastruktur versteht. Zusätzlich zur Funktion als Ort der Bestattung und „heilsamer Trauer“ wird er auch ein wichtiger Ort gelungener Stadtplanung, ein Ort des gemeinschaftlichen Handelns aller Bürger*innen. Im Zentrum steht die Idee des Friedhofs als Caring Infrastructure (dt. ‚Fürsorge-Infrastruktur‘), ein Ort für Menschen in schwierigen Lebenssituationen, der Raum für Trauer und Erinnerung aber auch Naturerfahrung, Begegnung und Austausch bietet.
Der Campus Vivorum ist so gestaltet, dass man Halt erfährt. Zum Innehalten und Verweilen gibt es unterschiedliche Sitzgelegenheiten, naturbelassene grüne Flächen und Räume, die durch Hecken, Zäune oder Holzelemente voneinander getrennt. Das gilt sowohl für Eltern mit Kindern, für die sogar Spielgeräte vorhanden sind, als auch für betagtere Besucher*innen, die vielleicht noch öfter eine Pause einlegen möchten.

Ein Garten der Sinne stimuliert die Wahrnehmung durch unterschiedliche Farben, Gerüche, Klänge und Oberflächen und ermöglicht das Beobachten von Wachstum und Vergehen im natürlichen Kreislauf eines Gartens. Ruhepunkte bieten durch eine Abgrenzung durch durchlässige Holzzäune, unterschiedlich hohe Hecken und Bäume als Dächer einen zusätzlichen natürlichen Schutzraum.
Zeit und Erinnerung erhalten ebenso einen besonderen Stellenwert. Es gibt unterschiedliche Andachts- und Gedenkräume. An einem Andachtsort z. B. können Urnen aufbewahrt werden, bis die Angehörigen sich für einen Beisetzungsort entschieden haben. An einem anderen Gedenkort gibt es Schiefertafeln, um Botschaften zu hinterlassen und Gedanken auszuformulieren. Auch Menschen, deren Angehörige an anderen Orten beigesetzt wurden, soll hier die Möglichkeit zu trauern und zu erinnern geboten werden.
Der Campus Vivorum ist so gestaltet, dass den Bestattungsriten verschiedener Religionen und Kulturen Rechnung getragen werden kann.

Die Berücksichtigung der religiösen und kulturellen Vielfalt in Deutschland erhält immer mehr Raum auf Friedhöfen, so z. B. auch auf dem Friedhof Ohlsdorf in Hamburg, auf dem die Islamischen Grabstätten und die Beisetzung nach traditionellen Riten, ein Angebot des Chinesischen Vereins oder auch ein Baha’i-Friedhof eine langjährige Tradition haben. Der Bahá’í-Glaube ist eine monotheistische Religion, die im 19.Jahrhundert in Persien (dem heutigen Iran) gegründet wurde.
Ebenso besonders auf diesem Hamburger Friedhof ist die in Deutschland seltene Möglichkeit, sich zusammen mit seinem Haustier beisetzen lassen zu können. Viele Menschen fühlen sich ihren treuen Begleitern so stark verbunden, dass sie sich ein gemeinsames Grab im „Ohlsdorfer Gemeinschaftsgarten für Mensch und Tier“ wünschen.
Gestaltung von persönlichen Erinnerungsorten
Mit dem Wandel der Friedhofskultur verändert sich auch die Rolle der Grabgestaltung. Während Grabgestaltungen früher sehr gleichförmig vorgenommen wurden, werden Grabstätten heute individueller. Steinmetz*innen entwickeln gemeinsam mit Angehörigen gestalterische Ideen, um die Lebensgeschichte der verstorbenen Person sichtbar zu machen. Neben klassischen Grabmalen entstehen heute aber auch zunehmend gemeinschaftliche Erinnerungsorte, bei denen ihr Handwerk gefragt ist, nicht zuletzt, um trotzdem jeder verstorbenen Person einen würdevollen Beisetzungsort mit persönlicher Namensgebung zu ermöglichen. Teil einer Caring Infastructure sind also nicht nur Trauerbegleiter*innen im klassischen Sinne, sondern auch gestaltende Berufe, die Trauer und Trost in Bildern, Kunstwerken oder der Landschaftsgestaltung erlebbar machen.



