Stilsicher für den Kamera-Auftritt: Berufsfeld für Styling affine Schülerinnen und Schüler

Eines Tages stellen sich alle Schülerinnen und Schüler DIE Frage: Was möchte ich später beruflich machen? Lehrkräfte kennen Kompetenzen, Interessen und Charaktereigenschaften ihrer Lernenden mitunter über Jahre hinweg und können hier eine neue Perspektive für Schülerinnen und Schüler eröffnen, die sich besonders für ein individuell stimmiges Make-up-, Haar- und Garderoben-Styling interessieren und die – auch vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeit – in der Medienwelt arbeiten möchten: Die Rede ist von OnAir-Stylistinnen und -Stylisten.

Fachartikel
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Make-up, Haar und Styling in der Medienwelt

Die Arbeit in den Medien fasziniert viele Schülerinnen und Schüler, doch nicht jede/r eignet sich zur Journalistin, zum Cutter, zur Regisseurin oder zum Presenter. Für viele Tätigkeiten in der Medienbrache wird darüber hinaus das Abitur oder sogar ein Hochschulstudium vorausgesetzt. Das ist mit dem On-Air-Styling anders, denn hier treffen Handwerk und Medienwelt aufeinander. 

Die Perspektive im Friseurhandwerk erweitert sich mit dem Fortbildungslehrgang zum/zur OnAir-Stylisten/-Stylistin, der mit einer Prüfung vor der Handwerkskammer abschließt. Bereits als Geselle/Gesellin ist es möglich, sich für die Styling-Arbeit in den Medien zu qualifizieren: Zur Könnerschaft rund ums Haar kommen Fertigkeiten der Visagistik und praktische Grundlagen der Kleidungs-, insbesondere der Anzugkultur hinzu. Damit ist gerüstet, wer Moderatorinnen/Moderatoren und Reporterinnen/Reporter – kurz Presenter genannt – in Rundfunkanstalten, Produktionsfirmen oder in der Werbeindustrie für ihre Auftritte vor der Kamera optisch unterstützen möchte.

OnAir-Stylistinnen und -Stylisten holen die Schönheit auf den (Bild-)Schirm

Bei diesen non-fiktionalen Auftritten möchten sich Presenter nicht verändern, sehr wohl aber schöner werden. Sie möchten keine Maske und kein Kostüm, die aus ihnen jemand anderen machen, denn sie sind keine Schauspielerinnen/Schauspieler in einem Film, sondern sie sind Journalistinnen/Journalisten, Interviewgäste, Protagonistinnen/Protagonisten oder Models. Sie wollen sich auf ihre Arbeit konzentrieren und dabei gut aussehen.

Mit on air gehen beschrieb man früher, dass man auf Sendung ist. Es kommt aus der Zeit, als die Programme der Rundfunksender terrestrisch ausgestrahlt wurden – eben über air (engl. Luft). Noch heute leuchtet das Rotlicht vor der Studiotür während der Sendung und bedeutet nach wie vor das absolute Betretungsverbot, auch wenn mit der digitalen Verbreitung auf den Schriftzug on air nun folgerichtig verzichtet wird.

Dennoch passt der Begriff zum OnAir-Styling, da sich zwar der technische Verbreitungsweg geändert hat, nicht aber die Wünsche, Sorgen und Nöte der Akteurinnen und Akteure vor der Kamera. Sie sind in den Minuten vor ihrem Auftritt genauso aufgeregt und verletzlich wie immer schon. Geändert haben sich auch Kamera-Technik und Zeitgeist. Mit modernen HD-Kameras ist eine nicht immer sehr schmeichelnde Bildschärfe möglich. Gewünscht aber ist telegenes Strahlen des Gesichtes, was in Fernsehkreisen eine weiche Schärfe beschreibt. Die herzustellen gelingt technisch entweder mit einem Zauberregler in der Bildtechnik, der den Farbton der Haut in Unschärfe setzen kann, oder in der Nachbearbeitung. Ersteres braucht viel Erfahrung und noch mehr Fingerspitzengefühl, damit es natürlich wirkt – und ist deshalb verpönt. Letzteres ist teuer und ohnehin in den meisten Voraufzeichnungen und Live-Auftritten gar nicht erst vorgesehen. Oder es gelingt manuell mit der richtigen Wahl und Handhabung der für den HD-Standard entwickelten Make-ups. Doch allein um die aufzutragen, braucht es den/die OnAir-Stylisten/-Stylistin aber nicht. Das können Presenter im Zweifel auch selbst lernen, wie es in der Corona-Pandemie unter Beweis gestellt werden musste, als strikte Distanzvorschriften statt körpernaher Dienstleistung den Produktionsalltag beherrschten.

Natürlich inszeniert – ist gar kein Widerspruch!

OnAir-Stylistinnen und -Stylisten sind sehr viel mehr. Sie verstehen den Zeitgeist, der so tut, als sei die optische Erscheinung letztlich unwichtig – Nur die inneren Werte zählen! –, als entstünde der gelungene Look ohne Mühen von ganz allein. Kurz: Sie wissen, wie man Presenter natürlich inszeniert. Sie beherrschen den No-Make-up-Lookfinishen Haare telegen gemäß ihrer Qualität und stellen ganz beiläufig Autorität her, indem sie aufmerksam im Detail auf den passgenauen Sitz der Kleidung achten. Sie können Presenter im Vorfeld briefen, wenn diese ihren Auftritt allein bewältigen müssen, wie es zum Beispiel in der Reportage üblich ist. Natürlich werden Presenter inszeniert, und sie wünschen sich eine natürliche Inszenierung – im Studio und an allen anderen Drehorten.

OnAir-Stylist/-in

Schlüsselkompetenzen und Nachhaltigkeit

Die Medienforschung bestätigt seit Jahren immer wieder die gleichen Ergebnisse: Dass gutes Aussehen gleich stimmiges Aussehen ist. Dass gutaussehende Presenter nicht nur in der Gefallens-Skala, sondern auch in der Kompetenz-Skala vergleichsweise viel besser abschneiden. Ein stimmiges OnAir-Styling ist eine Schlüsselkompetenz.

Zur weiteren Schlüsselkompetenz, für die OnAir-Stylistinnen und -Stylisten geschult werden, zählt künftig die Etablierung nachhaltig gestalteter Auftritte: Wie sieht der CO2-Fußabdruck aus (engl. CFP – Carbon Footprint), den ein Auftritt hinterlässt? Dazu werden aktuell Kriterien entwickelt, die eine Aussage zur Garderobe und den verwendeten Produkten zulassen. Als eine Grundlage gilt zum Beispiel: Wer technisch gut arbeitet, (ver-)braucht weniger Produkte.

Der Lehrgang und seine Hintergründe

Auf Initiative der ARD, der Handwerkskammer Düsseldorf und dem Zentralverband des deutschen Friseurhandwerks entstand ein Lehrgang mit 200 Lerneinheiten und 80 Stunden Praxiserfahrung. Zugrunde liegt ein Curriculum, das die heutigen Produktionsbedingungen abbildet und auf die weitere Transformation in den Medienhäusern vorbereitet. Die Kriterien zur Förderung durch Aufstiegs-BAföG sind gewährleistet und erleichtern die Finanzierung. Vorgeschaltet ist ein zweistufiges Auswahlverfahren, das die handwerklichen Fertigkeiten abfragt, aber auch auf die Persönlichkeit schaut, denn die Bewerbenden sollten den vielfältigen Anforderungen in der Medienwelt genügen können und: Es auch tatsächlich wollen.

Es ist die erste Fortbildungsmaßnahme, die eigens für Fernsehbelange konzipiert worden ist. In seinen Anfängen hat sich das Schwarzweiß- und später das Farbfernsehen der Theaterkünste bedient. Die von dort akquirierten Maskenbildner/-innen sollten vornehmlich der Haut den speckigen Glanz nehmen, Kostümbildner/-innen wurden nicht in der Information, sondern ausschließlich in der Unterhaltung eingesetzt. So ist es lange geblieben, bis sich Bedeutung und Anforderungen in den non-fiktionalen Formaten erhöhten und sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass Information ein eigenes Genre ist. Dass lediglich ein Aufbrezeln für die Programm-Akzeptanz nicht dienlich ist, Authentizität indes schon, die allerdings nicht einfach vom Himmel fällt oder sich automatisch ergibt. Und: Je größer das Angebot an Information in Bewegtbildern wird, desto wichtiger wird die konsequente Umsetzung dieser Erkenntnis.

OnAir-Stylistinnen und -Stylisten denken durch die Kamera und folgen Kriterien, nicht ihrem persönlichen Geschmack. Kriterien, die mit Farb- und Formgesetzen, Fernsehtechnik, Produktionsbedingungen und mit Presentern selbst zu tun haben. So etablieren sie einen sachlich professionellen Umgang, der es erlaubt, dass über Makel und persönliche Befindlichkeiten unangestrengt gesprochen werden kann.

Karriere

So passt etwas gut zusammen: Die wachsende Bedeutung von authentischen Presentern und eine neue Perspektive für Friseurinnen und Friseure. Doch dem Traditionshandwerk droht auch ein Fachkräftemangel. Das hat mehrerlei Gründe, einer davon ist sicherlich die geringe Auswahl an unterschiedlichen Karrierewegen. Der neue Lehrgang knüpft hier an, denn die Arbeit als OnAir-Stylistin oder -Stylist ist freiberuflich – mit marktüblichen attraktiven und verhandelbaren Honoraren – und bietet daher an, sowohl in Teilzeitfestanstellung als auch freiberuflich flexibel mit einem eigenen Pool an Auftraggebern zu arbeiten. Der Beruf kann sich daher besonders für Schülerinnen und Schüler als interessant erweisen, die ihre Arbeitszeit später gern einmal nach eigenen Bedürfnissen und ihrer aktuellen Situation individuell flexibel gestalten möchten. 

Dieser Schlusssatz möge es zusammenfassen: Innere Werte sind auch den OnAir-Stylistinnen und -Stylisten das Wichtigste; sie tun alles, damit sie bildschirmsichtbar werden.

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Autorin

Portrait von Silke Frink
Silke Frink

Silke Frink ist gelernte Friseurmeisterin und Visagistin. Von 1991 bis zum Umzug der Bundesregierung nach Berlin im Jahr 1999 hat sie in den Bonner Hauptstadtstudios von ARD & ZDF und der Deutschen Welle TV freiberuflich im Maskenbild gearbeitet. 1998 gründete sie bildschoen medien und erweiterte das Aufgabenfeld um den Bereich der Anzugkultur. 2007 veröffentlichte sie das Buch "Der feminine Stil" im Haufe Verlag.